Jusos Kiel setzen sich mit Rockerkriminalität auseinander

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Jusos Kiel setzen sich mit Rockerkriminalität auseinander

Beinahe täglich berichten Zeitungen über neue Ermittlungsergebnisse in Sachen Hells Angels und Bandidos. Insbesondere Kiel stand hierbei in der jüngsten Vergangenheit häufig im Fokus der nationalen Medien. Nicht erst seit dem Verbot des Kieler Chapters der Hells Angels – ende Januar diesen Jahres – ist klar, dass diese „Motorradclubs“ nichts mit der Bikerromantik á la „Easy Rider“ gemein haben. Es handelt sich dabei um kriminelle Organisationen, die eine Schattengesellschaft bilden, welche wiederum die Werte und Regeln unserer Gesellschaft ablehnen.

Dies nahmen die Kieler Jungsozialistinnen und Jungsoziallisten am Donnerstag zum Anlass, den Schleswig-Holsteinischen Innenminister Andreas Breitner, die Landtagsabgeordnete und ehemalige Kripobeamtin Simone Lange und Ute Johannsen, Wirtin aus Flensburg, die Opfer von Schutzgelderpressungen durch Hells Angels wurde, zu einer Veranstaltung unter dem Motto „DIE SCHATTENGESELLSCHAFT – organisierte Kriminalität politisch aufarbeiten“  in den Kieler Landtag einzuladen.

Zum Auftakt der von Vorstandsmitglied Daniel Martinen moderierten Veranstaltung berichtete Frau Johannsen von ihren Erfahrungen. Bei der Übernahme ihres Geschäftes hielt sie, auf anraten der Flensburger Polizei, auch am Sicherheitskonzept mit Türstehern fest. Diese Türsteher rekrutieren sich, ihrer Einschätzung nach, an der Westküste von Schleswig-Holstein fast ausschließlich aus dem Rockermilieu, im speziellen aus den Kreisen der Hells Angels. Von Monat zu Monat wurden für ihr Lokal laut der beauftragten Sicherheitsfirma mehr Türsteher benötigt, die auf Druck der Hells Angels am besten schwarz zu bezahlen seien. Am Ende überstiegen die Honorare für das Sicherheitspersonal den monatlich erzielten Umsatz. Als sie erstmals versuchte, sich von den Hells Angels zu lösen, brannte ihr Haus ab. Unglücklicherweise engagierte ihre Versicherung, die Provinzial, auch noch ausgerechnet einen ihres Wissens nach den Hells Angels nahe stehenden Bauunternehmer, so wartet sie noch heute auf eine vollständige Regulierung ihres Schadens. Als sie die Hells Angels dann in diesem Jahr endgültig des Ladens verweist, brennt ihr Auto ab. Daraufhin meldet sie im Mai Insolvenz an und spricht seit dem öffentlich über ihre Erfahrungen mit den Hells Angels.

Ihrer Erfahrung nach, treten die Hells Angels seit dem Verbot, unter anderem in Kiel und Flensburg, dezenter auf und mieten oder kaufen Läden anstatt ihren Gewinn über die Türsteherszene zu generieren. Sie habe auch versucht andere Sicherheitsfirmen zu engagieren, auch namhafte Größen. Keines sei bereit gewesen, in „Hells-Angels-Gebiet“ den Schutz ihres Lokals zu übernehmen. Sie regt an, gesetzlich zu regeln, welche Unternehmen Türsteher stellen dürfen und den Lokalen Türsteher nach vorheriger Prüfung über das Ordnungsamt zuzuweisen um zu verhindern, dass Gastronomen unter Druck gesetzt werden können.

Innenminister Andreas Breitner zeigte sich erschüttert von den Erlebnissen der Gastronomin und betonte, dass gegenüber kriminellen Rockerclubs eine „Null Toleranz“-Strategie gefahren wird. Mit einem ganzheitlichen Ansatz nach dänischen Vorbild arbeiten seit 2009 alle betroffenen Behörden zusammen. Die gesammelten Informationen werden unter anderem für Verbote und Strafverfolgung genutzt. Es gibt eine eigene Sonderkommission zur Ermittlung gegen Rockergruppen. Mittels eines neuen Einsatzkonzeptes könnte diese sehr schnell auf Bedrohungen von Seiten der Rocker reagieren.

In einem Ausblick berichtete Breitner davon, dass es noch immer einen starken Zulauf zu Rockergruppen gibt, da diese offenbar auf Teile der Gesellschaft mit ihrem Habitus einen besonderen Reiz ausüben. Er rechnet auch in Zukunft mit Auseinandersetzungen und Revierstreitigkeiten zwischen verschiedenen Rockergruppen. Die Sicherheitsbehörden bauen ihre Zusammenarbeit weiter aus und unterstützen sich auch länderübergreifend.

Die ehemalige Flensburger Kriminalbeamtin Simone Lange schloss sich in ihrem Statement der Einschätzung des Innenministers bezüglich der Attraktivität der Rocker an. Diese seien längst kein Randphänomen mehr sondern würden über Vereine und Bürgerinitiativen immer weiter in die Gesellschaft eindringen. Sie wären der nette Nachbar von nebenan, der eben auch bei den Hells Angels aktiv sei. Medien wie die „Bild“ würden diese Verharmlosung offenbar gerne transportieren.

Aus ihrer persönlichen Erfahrung als Polizistin berichtet sie, dass sich die Beamten natürlich davon beeinflussen lassen, dass sie persönlich als Vertreter des Staates Ziel der Hells Angels und einer ständigen Gefahr durch diese ausgesetzt sind.

Die Finanzierung der Hells Angels liefe teilweise legal, zum Beispiel über den steigenden Verkauf von Unterstützerware und das Türstehermilieu, teilweise illegal über Prostitution ab.

Lange warnte eindringlich davor die Rocker zu verharmlosen und romantisch zu verklären. Sie frage sich, warum sie durch prominente Anwälte vertreten werden und warum Fürsprechern eine Plattform in den Medien gegeben werde. Ein Anwalt könne ein Mandat auch ablehnen und die Medien müssten keine positiven Berichte über die Hells Angels senden. Man müsse diese Verzahnung mit der Gesellschaft bekämpfen.

Einig zeigten sich alle, dass man den Rockerclubs nicht das Feld überlassen dürfe und ihnen entschlossen entgegentreten müsse.

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