„Das Leben ist ein Geschenk, das höchsten Respekt verdient“

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„Das Leben ist ein Geschenk, das höchsten Respekt verdient“

Mit zu den Hauptakteuren in der Debatte um Sterbehilfe gehören sicherlich die christlichen Kirchen in Deutschland. Bereits 2009 haben jene intensiv an der Diskussion über die Patientenverfügung teilgenommen und schlussendlich einen eigenen Entwurf präsentiert.

Gerhard Ulrich, Landesbischof der Nordkirche

Gerhard Ulrich, Landes-bischof der Nordkirche

Als Vertretung der christlichen Kirchen haben wir Gerhard Ulrich, jetziger Landesbischof der Nordkirche, zur Positionierung der Evangelischen Kirche befragt. Zu den zentralen Aufgaben von Bischof Gerhard Ulrich gehört der leitende geistliche Dienst in der Nordkirche. Er vertritt die Kirche gegenüber den Ländern, ihren Parlamenten und Regierungen sowie im gesamten kirchlichen und öffentlichen Leben. Gerhard Ulrich ist zudem Leitender Bischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands.

In einer Orientierungshilfe der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) zur ärztlichen Beihilfe zur Selbsttötung (EKD-Texte 97) heißt es unter anderem: „Wenn Menschen ins Leben treten, wenn ihr Leben gefährdet ist und wenn es sich seinem Ende zuneigt – in all solchen Fällen stehen Lebensschutz und Menschenwürde in besonderer Weise auf dem Spiel.“ Deshalb ist es Christinnen und Christen wichtig, die Würde Sterbender zu achten und sie auf ihrem Weg zu begleiten.

Sterbende zu trösten, ihnen Mut zuzusprechen, ihre Leiden zu lindern und ihnen die Gewissheit zu geben, in Gottes Hand zu sein – diese Aussage wird nicht nur von christlichen Kirchen vertreten, sondern findet sich ebenso in verbindlichen Äußerungen der Ärzteschaft wieder. Dieser gesellschaftliche Grundkonsens wird allerdings in manchen Debatten immer wieder in Zweifel gezogen, insbesondere in der Frage der Hilfe zur Selbsttötung.

Bei dem Thema „Sterbehilfe“ ist auch nach christlichem Verständnis klar zu unterscheiden zwischen der Tötung auf Verlangen einerseits und dem Zulassen des Sterbens durch den Verzicht auf Leben verlängernde Maßnahmen andererseits.

Nach der christlichen Ethik gibt es keine Verpflichtung zu einer Lebensverlängerung um jeden Preis. Und es gibt auch kein Gebot, die therapeutischen Möglichkeiten der Medizin bis zum Letzten auszuschöpfen. Deshalb ist es gerechtfertigt, einen Menschen – zweifellos nach einem vorliegenden Patientenwillen – gehen zu lassen. Zur Endlichkeit des Lebens gehört auch, Sterbeprozess und Tod zuzulassen, wenn die Zeit gekommen ist.

In völligem Gegensatz zum Verzicht auf Leben verlängernde Maßnahmen steht die gezielte Tötung eines Menschen in der letzten Lebensphase, selbst wenn sie auf ausdrücklichen Wunsch hin erfolgt. Dies ist aus christlicher Sicht nicht vertretbar. Gesellschaftliche Konventionen oder gar gesetzliche Regelungen, die der Tötung auf Verlangen den Weg ebnen, lehnen wir daher entschieden ab. Eine Lockerung der hier bestehenden gesetzlichen Regelungen muss unbedingt unterbunden werden. Stattdessen sollte auf politischer Ebene darauf hingewirkt werden, jede Form der gewerblichen und organisierten Sterbehilfe unter Strafe zu stellen.

Gerade im Hinblick auf den demographischen Wandel mit einer stetig wachsenden Zahl von kranken und schwerstpflegebedürftigen alten Menschen ist es wichtig, frühzeitig ein menschenwürdiges und tragfähiges Zukunftskonzept zu entwickeln. Das heißt: Wir benötigen ausreichend Palliativstationen und Hospize, in denen der Schmerz bekämpft und Menschen das Loslassen erleichtert werden kann.
Sterbehilfe hingegen fördert vor allem die Fremdbestimmung durch das Gesundheitssystem, manchmal auch durch Angehörige. Wer ohnehin das Gefühl hat, anderen zur Last zu fallen, der darf nicht dazu gedrängt werden, sich selbst zu töten – dies ist nicht nur unchristlich, es ist schlicht unmenschlich.

Der Bundesgerichtshof hat mit seinem Urteil (BGH 25.06.2010 – 2StR 454/09) den Patientenwillen gestärkt und gleichzeitig eine größere Rechtssicherheit bei Ärzten, Pflegepersonal und Angehörigen geschaffen. Demnach ist der Abbruch einer Leben erhaltenden Behandlung nicht mehr strafbar, wenn der Patient dies in einer entsprechenden Verfügung festgelegt hat.

Für Christinnen und Christen ist das Leben ein Geschenk, das höchsten Respekt verdient hat. Deshalb ist es erforderlich, nicht nur die medizinischen Möglichkeiten zur Linderung von Leiden auszuschöpfen, sondern ebenso dringlich die Hospizbewegung zu unterstützen, um eine würdige und respektvolle Sterbebegleitung zu ermöglichen. In meinen Augen ist dies ein vordringliches gesamtgesellschaftliches Problem.

Weitere Informationen und Stellungnahmen der EKD zum Thema Sterbehilfe finden sich hier:

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1. Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

→ Christliche Perspektive – Die Nordkirche

3. Humanistische Perspektive – Der HVD

4. Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

5. Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

8. Ansichten in der SPD (I) – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer

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