“Die Freigabe der Tötung auf Verlangen wirft Probleme auf”

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“Die Freigabe der Tötung auf Verlangen wirft Probleme auf”

Erwin Kress, Vizepräsident des HVD

                   Erwin Kress,       Vizepräsident  HVD

Neben der Interessenvertretung von christlichen Bürgerinnen und Bürgern, welche durch die verschiedenen Kirchen in Deutschland geschieht, gibt es auch Organisationen, die sich für konfessionslose Menschen einsetzen. Eine davon ist der Humanistische Verband Deutschlands (HVD), welcher sich bereits seit 1993 für die Patientenverfügung einsetzt und folglich sich auch 2009 an der Debatte um die Patientenverfügung beteiligte.

Für eine Stellungnahme hat sich der Vizepräsident des HVD, Erwin Kress, bereit erklärt. Der 66-jährige Diplom Physiker und ehemaliger Industrieangestellter war bereits von 2000 bis 2006 Mitglied im Bundesvorstand des HVD und schreibt mittlerweile Artikel für die verbandseigene Zeitschrift „diesseits“.

Die aktive Sterbehilfe als Tötung auf Verlangen ist in Deutschland nach §216 StGB verboten. Die Bürgerrechtsorganisation Humanistische Union hat 2007 beschlossen, der §216 solle u. a. wie folgt geändert werden:

„Nicht rechtswidrig ist die Tötung eines anderen Menschen auf Grund seines ausdrücklichen und ernstlichen Verlangens.“

Das Grundsatzpapier hierzu ist lesenswert, weil es u. a. eine gute Darlegung der juristischen Entwicklung zur Sterbehilfe in den BeNeLux-Ländern enthält.
Wenn, wie in Deutschland, Beihilfe zur Selbsttötung eines freiwillensfähigen Suizidenten erlaubt ist, ist es kaum einsichtig, wenn es verboten ist, einem freiwillensfähigen Menschen zum Tode zu verhelfen, der körperlich nicht mehr in der Lage ist, das tödliche Präparat selbstständig zu sich zu nehmen. Juristisch scheint daher die Zulassung der aktiven Sterbehilfe in solchen Fällen geboten.

Im Ergebnis seiner vielfältigen praktischen Erfahrungen im Bereich Seniorenbetreuung, Patientenverfügung und Hospizarbeit ist der HVD im Gegensatz zur HU dennoch entschieden gegen eine Aufweichung des Tötungsverbotes, auch an dieser Stelle. Die damit verbundene Benachteiligung des körperlich nicht mehr handlungsfähigen Sterbewilligen ist hinnehmbar. Zum einen, weil ihm als letzter Ausweg immer noch der freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit offensteht, der bei guter Pflege eine akzeptable Todesart darstellt, zum anderen, weil die Zahl der Betroffenen sehr gering ist.
Demgegenüber wirft die Freigabe der Tötung auf Verlangen eine Vielzahl von Problemen auf:

  1. Die immer noch nicht grundlegend aufgearbeitete „Euthanasie“-Praxis im Nationalsozialismus steht einer unvoreingenommenen Diskussion entgegen. Sie wird von konservativen Lebensschützern genutzt, um Behindertenverbände für ihre Interessen einzuspannen. Sie spielt auch eine Rolle in der Ärzteschaft. In Umkehrung der Praxis ihrer Führung in Zeiten der Selektion und Auslöschung sogenannter ‚lebensunwerter’ Patienten betont die Bundesärztekammer heute, die Mitwirkung der Ärzte bei der Selbsttötung sei keine ärztliche Aufgabe; „geschweige denn bei Tötung auf Verlangen“ wäre hinzuzufügen.
  2. Die Klärung der Freiwillensfähigkeit und der klaren und gefestigten Absicht des Sterbekandidaten ist bei der Tötung auf Verlangen noch problematischer als bei der Suizidbeihilfe, bei der die Tatherrschaft eindeutig beim Suizidenten liegt. Speziell in Holland werden immer wieder Vorwürfe laut, wonach Euthanasie auch ohne den klaren Willen von Betroffenen praktiziert wird. Trotz aller rechtlichen Vorgaben ist darin eine Fortführung eines laxen Umgangs mit Sterbehilfe in unserem Nachbarland zu sehen.
  3. Von Tötung ist auch dort auszugehen, wo ohne den ausdrücklichen Willen des Patienten lebenserhaltende Maßnahmen aus subjektiver ärztlicher Sicht oder insbesondere aus Kostengründen nicht gewährt werden. Eine Debatte über Tötung auf Verlangen darf nicht geführt werden, ohne zugleich die in diesem Bereich vorhandenen und aus Knappheitsgründen wohl wachsenden Grauzonen zu beleuchten, gesellschaftlich zu klären und human zu regeln.
  4. In der seit Jahren andauernden Debatte um ein Verbot gewerbsmäßiger, geschäftsmäßiger, nun auch jeder organisierten Suizidbeihilfe, die nun in ein erneutes Gesetzgebungsverfahren münden soll, wirkt die Forderung nach Freigabe der Tötung auf Verlangen besonders fortschrittlich. Sie eröffnet jedoch einen Nebenkriegsschauplatz, der von der eigentlich zu führenden Diskussion ablenkt. Stattdessen sollte sich die gegenwärtige Auseinandersetzung auf die Absichten und Argumente der Befürworter eines Verbots der Suizidbeihilfe beziehen: auf allgemeinverbindliche Vorgaben eines ‚christlichen’ Sterbens; auf ein Menschenbild, das alten und kranken Menschen keine eigenständige Entscheidung über ihr Lebensende mehr zutraut (Dammbruchargument); auf die Ablenkung von desaströsen Zuständen in vielen Pflegebereichen und die mangelnde Versorgung mit Palliativ- und Hospizangeboten, die ja die Basis darstellen dafür, dass der größte Teil der Bevölkerung auf der Möglichkeit besteht, im Ernstfall Hilfe zum selbstgewählten Sterben in Anspruch nehmen zu können.

Zur Abwehr des drohenden Verbots der Suizidbeihilfe hat sich auch auf Initiative des HVD das Bündnis Selbstbestimmung bis zum Lebensende gebildet, das sich in seinen Leitsätzen klar gegen eine Änderung der bestehenden Rechtlage wendet und dies begründet.

Weitere Informationen und Stellungnahmen des HVD zum Thema Sterbehilfe finden sich hier:

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1. Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

2. Christliche Perspektive – Die Nordkirche

→ Humanistische Perspektive – Der HVD

4. Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

5. Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

8. Ansichten in der SPD – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer

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