„Niemand soll zum Sterben gedrängt, aber auch niemand zum Leben gezwungen werden.“

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„Niemand soll zum Sterben gedrängt, aber auch niemand zum Leben gezwungen werden.“

           Elke Baezner,                  DGHS Präsidentin

Nachdem in der letzten Woche zwei Weltanschauungs-Organisationen zu Wort gekommen sind, wollen wir uns nun der „Deutschen Gesellschaft für Humanes Sterben“ (DGHS) widmen. Die DGHS versteht sich als Menschenrechts- und Patientenschutzorganisation und sieht es als ihr Anliegen, für die Verwirklichung des Selbstbestimmungsrechtes bis zur letzten Lebensminute einzustehen.

Als Ansprechpartnerin konnten wir Elke Baezner, Präsidentin der DGSH, für eine Stellungnahme gewinnen. Die studierte Gymnasiallehrerin war bereits als Vorstandsmitglied der Schweizer Organisation „Exit“ aktiv und hatte für drei Jahre die Präsidentschaft der europäischen Dachgesellschaft „Right-to-die“ inne. Auf Grund ihres Einsatzes für die Selbstbestimmung am Lebensende ist sie vor kurzem Opfer eines Anschlages gewesen. Für uns hat sie den Standpunkt der DGHS zusammengefasst:

Die „Tötung auf Verlangen“, also die Tötung durch einen Dritten ist nach geltendem deutschen Strafrecht (§ 216 StGB) verboten und wird mit bis zu fünf Jahren Freiheitsentzug bestraft. Straffrei ist dagegen die Beihilfe zum freiverantwortlichen Suizid, da dieser selbst keinen Straftatbestand darstellt. Die DGHS sieht keine Notwendigkeit, an der gegenwärtigen Gesetzeslage etwas zu ändern. Dagegen zeigen alle Repräsentativ-Umfragen der letzten Jahre, dass mehr als zwei Drittel der Bevölkerung beim geplanten Freitod von kompetenten und verständnisvollen Menschen unterstützt werden wollen. Idealerweise ist das der Hausarzt, der die medizinische Situation, das soziale Umfeld und die Wertvorstellungen des Kranken wohl am besten einschätzen kann. Auch der Zugang zu einem geeigneten Medikament oder Medikamentenmix, der einen menschenwürdigen, sanften und raschen Tod ermöglicht, ist nur über ärztliches Rezept möglich.

Ein Totalverbot jeder ärztlichen Beihilfe zum Freitod, wie es die Bundesärztekammer in ihrer Musterberufsordnung im Jahr 2011 aussprach, ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar. Ärzte sollen keine Sanktionen ihrer Standesvertretung befürchten müssen, wenn sie ihrem eigenen Gewissen folgend und angesichts einer sinnlosen Verlängerung der Qualen, ohne Aussicht auf Besserung, ihrem Patienten helfen. Laut einem Urteil des Verwaltungsgerichts Berlin vom 30. März 2012 sei das Grundrecht der Freiheit der Berufsausübung und v.a. der Gewissensfreiheit des Arztes mit einem uneingeschränkten, ausnahmslosen Verbot der ärztlichen Suizidhilfe nicht vereinbar (mit Berufung auf Art. 4, Abs.1 GG und Art.12, Abs. 1 GG). Selbstverständlich ist kein Arzt dazu verpflichtet, er kann, aber er muss nicht Sterbehilfe leisten.

Jede Beihilfe zur Selbsttötung setzt jedoch voraus, dass der Entschluss dazu von einem urteilsfähigen Erwachsenen unbeeinflusst von Außenstehenden in eigener Verantwortung getroffen wird. Dazu wiederum bedarf es einer verständlichen, umfassenden, wertfreien und kompetenten Beratung, die neutral auf alle Möglichkeiten der Behandlung, der Unterstützung, der Heimpflege, der ambulanten palliativen Pflege u.a.m. hinweist. Manche Patienten wollen derartige Angebote jedoch nicht wahrnehmen, sei es, weil sie ihre Leiden als unerträglich empfinden, sei es, dass sie ihr Restleben aufgrund ihrer höchstpersönlichen Sicht nicht mehr als lebenswert ansehen. Kein Außenstehender sollte sich anmaßen, die Lebenswertbestimmung eines anderen zu beurteilen oder gar zu verurteilen. Hans Küng, der wohl berühmteste Vertreter einer eigenständigen Denkweise innerhalb der katholischen Kirche, formulierte: „Niemand soll zum Sterben gedrängt, aber auch niemand zum Leben gezwungen werden.“

Um ein selbstbestimmtes Sterben zu ermöglichen, möchte die DGHS alle legalen Formen der Sterbehilfe einschließlich der Möglichkeit des ärztlich assistierten Suizids gewahrt sehen, wenn dieser ausdrücklich von einem Patienten gewünscht wird. Menschenwürde basiert auf Wahlfreiheit. Der Sterbewillige muss seinerseits die Verantwortung für seine Entscheidung mehr als bisher selbst übernehmen.

In Anlehnung an einen Gedanken, den ich in der Verbandszeitung von EXIT Deutsche Schweiz, 1.2014, S.9 gelesen habe, stelle ich fest: Eine Liberalisierung wird … kommen. Die Generation, die heute ins Alter kommt, ist zu selbstbewusst und an ihr Recht auf Selbstbestimmung zu sehr gewöhnt, als dass sie sich von Politikern, Medizinern oder gar Dritten mit finanziellen Eigeninteressen vorschreiben ließe, wann und wie das Individuum zu sterben habe. In einer direkten Demokratie wie der Schweiz hat sich diese Sichtweise schon weitgehend durchgesetzt. Ich wünsche mir für Deutschland Politiker, die uns diese individuelle Freiheit nicht wieder zu beschneiden versuchen.

Weitere Beiträge der DGHS zum Thema Sterbehilfe finden sich hier:

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1. Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

2. Christliche Perspektive – Die Nordkirche

3. Humanistische Perspektive – Der HVD

→ Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

5. Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

8. Ansichten in der SPD (I) – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer

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