„Die Mitwirkung bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“

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„Die Mitwirkung bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“

    Bundesärztekammer

In der letzten Woche kam eine Interessenvertretung für den Willen von Patientinnen und Patienten, die „Deutsche Gesellschaft für Humanes Sterben“, zu Wort. Diese Woche stellen wir die Interessenvertretung eines weiteren wichtigen Akteures vor – die der deutschen Ärzteschaft, vertreten durch die „Bundesärztekammer“ (BÄK).

Die BÄK ist die Spitzenorganisation der ärztlichen Selbstverwaltung in Deutschland, vertritt 460.000 Ärztinnen und Ärzte und wirkt  aktiv am gesundheitspolitischen Meinungsbildungsprozess der Gesellschaft mit. Da die BÄK uns trotz mehrfacher Anfrage keine gesonderte Erklärung hat zukommen lassen, bedienen wir uns der Stellungnahme der BÄK zum letzten Gesetzentwurf für ein Verbot der gewerbsmäßigen Sterbehilfe:

Die Ärzteschaft hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, ob die Beihilfe eines Arztes oder einer Ärztin zum Suizid berufsrechtlich sanktioniert werden sollte. Auf dem Deutschen Ärztetag 2011 in Kiel hat diese komplexe Diskussion insoweit ihren Abschluss gefunden, als folgende Regelung des § 16 (Muster-) Berufsordnung (MBO) mit großer Mehrheit angenommen wurde:

„Ärztinnen und Ärzte haben Sterbenden unter Wahrung ihrer Würde und unter Achtung ihres Willens beizustehen. Es ist ihnen verboten, Patientinnen und Patienten auf deren Verlangen zu töten. Sie dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten.“ 

Strafrechtliche und berufsrechtliche Regelungen haben zweifellos eine wichtige spezial- und eine generalpräventive Funktion. In der täglichen Arbeit reagieren Ärztinnen und Ärzte, wenn sie mit dem Wunsch eines Patienten oder einer Patientin nach dem Tod konfrontiert werden, ärztlich. Das heißt: Sie antworten darauf mit ihren Mitteln und im Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten. Deshalb stehen bei der Auseinandersetzung mit dem Thema nicht Verbote oder Sanktionen im Vordergrund, sondern entscheidend ist die ethische Haltung des Arztes oder der Ärztin zu diesen Fragen und ihre Vermittlung im Gespräch mit der Patientin oder dem Patienten. Eine grundlegende Orientierung für die Tätigkeit des Arztes oder der Ärztin bei der Behandlung und Begleitung schwerstkranker oder sterbender Patientinnen und Patienten geben die Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. In der Präambel wird in Anlehnung an die MBO an die Aufgaben von Ärztinnen und Ärzten angeknüpft und ausgeführt:

„Aufgabe des Arztes ist es, unter Achtung des Selbstbestimmungsrechtes des Patienten Leben zu erhalten, Gesundheit zu schützen und wiederherzustellen sowie Leiden zu lindern und Sterbenden bis zum Tod beizustehen. Die ärztliche Verpflichtung zur Lebenserhaltung besteht daher nicht unter allen Umständen.

Es gibt Situationen, in denen sonst angemessene Diagnostik und Therapieverfahren nicht mehr angezeigt und Begrenzungen geboten sind. Dann tritt eine palliativmedizinische Versorgung in den Vordergrund. Die Entscheidung hierzu darf nicht von wirtschaftlichen Erwägungen abhängig gemacht werden. Unabhängig von anderen Zielen der medizinischen Behandlung hat der Arzt in jedem Fall für eine Basisbetreuung zu sorgen. Dazu gehören u. a. menschenwürdige Unterbringung, Zuwendung, Körperpflege, Lindern von Schmerzen, Atemnot und Übelkeit sowie Stillen von Hunger und Durst.

Art und Ausmaß einer Behandlung sind gemäß der medizinischen Indikation vom Arzt zu verantworten. Er muss dabei den Willen des Patienten achten. Bei seiner Entscheidungsfindung soll der Arzt mit ärztlichen und pflegenden Mitarbeitern einen Konsens suchen. Ein offensichtlicher Sterbevorgang soll nicht durch lebenserhaltende Therapien künstlich in die Länge gezogen werden. Darüber hinaus darf das Sterben durch Unterlassen, Begrenzen oder Beenden einer begonnenen medizinischen Behandlung ermöglicht werden, wenn dies dem Willen des Patienten entspricht. Dies gilt auch für die künstliche Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr. Die Tötung des Patienten hingegen ist strafbar, auch wenn sie auf Verlangen des Patienten erfolgt. Die Mitwirkung des Arztes bei der Selbsttötung ist keine ärztliche Aufgabe.“

Die Grundsätze befassen sich mit der ärztlichen Sterbebegleitung und mit dem Recht der Patientin oder des Patienten, über den Umfang seiner Behandlung zu bestimmen, aber nicht mit der Frage, ob Ärztinnen oder Ärzte eine Hilfe zur Selbsttötung leisten dürfen oder nicht. Hilfe zur Selbsttötung ist keine Form der ärztlichen Sterbebegleitung. Das wird in den Grundsätzen ganz unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Ob ein Arzt oder eine Ärztin über seine/ihre ärztlichen Aufgaben hinaus auch andere Tätigkeiten übernehmen und ob er/sie insbesondere bei der Selbsttötung eines Menschen Hilfe leisten darf und wie dies ggf. zu sanktionieren ist, ist eine berufsrechtliche Frage. […] Nach der Überzeugung der Ärzteschaft sind sowohl unsere Rechtsordnung als auch der praktische Umgang mit schwerkranken Menschen darauf ausgerichtet, sie von dem Wunsch, sich selbst das Leben zu nehmen, abzubringen und ihnen eine Perspektive für ihr Leben zu eröffnen. Daher darf die Angst der Menschen vor Krankheit und Schmerzen von sog. Sterbehilfevereinen nicht für deren Geschäftemacherei ausgenutzt werden. Bei diesen Organisationen stehen nicht Beratungsangebote über lebensbejahende Perspektiven im Vordergrund, sondern die rasche und sichere Abwicklung des Selbsttötungsentschlusses.

Weitere Beiträge der BÄK zum Thema Sterbehilfe finden sich hier:

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1. Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

2. Christliche Perspektive – Die Nordkirche

3. Humanistische Perspektive – Der HVD

4. Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

→ Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

8. Ansichten in der SPD (I) – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer

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