„Wir müssen offen über Leben und Tod sprechen können.“

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„Wir müssen offen über Leben und Tod sprechen können.“

Kerstin Griese,  Bundestagsabgeordnete der SPD

 Kerstin Griese (SPD),
 Bundestagsabgeordnete  

Die Diskussion um die gesetzliche Regelung der aktiven Sterbehilfe hat in Deutschland bereits Fahrt aufgenommen. Eine endgültige Entscheidung über dieses Thema wird aber letztendlich von den Abgeordneten im deutschen Bundestag getroffen. Im Gegensatz zu den meisten Debatten und Abstimmungen, werden zu diesem Thema interfraktionelle Anträge erwartet. Das heißt, dass es auch innerhalb der SPD Fraktion keine einheitliche Meinung hierzu gibt.

Eine herausragende Wortführerin für solch einen Antrag ist die SPD-Bundestagsabgeordnete Kerstin Griese. Innerhalb der SPD ist Kerstin Griese Sprecherin des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD (AKC) und im Bundestag zudem Vorsitzende des Ausschusses für Arbeit und Soziales. Auf unsere Anfrage hin, hat Sie uns Ihre Sicht der Dinge zum Thema Sterbehilfe geschildert:

Bei der Debatte um „Sterbehilfe“ geht es um vieles: Wie wollen wir leben und sterben? Wie kümmert sich die Gesellschaft um lebensmüde, um einsame und um schwer kranke Menschen? Ein gesellschaftliches Klima, das suggeriert, die Selbsttötung sei ein guter Ausweg, finde ich beängstigend. Es geht mir um die Würde des Menschen bis zu seinem Tod, denn das Sterben gehört zum Leben dazu. Selbstbestimmung darf nicht nur bedeuten, über das eigene Lebensende zu entscheiden, sondern bedeutet auch, mit zu gestalten, wie in der Gesellschaft mit Tod und Sterben umgegangen wird.

Wenn Vereine den vermeintlichen „schönen Tod“ anbieten – oft gegen Bezahlung – , birgt das viele Gefahren. Erfahrungsgemäß suchen eben nicht die schwer kranken Menschen diese „Lösung“, sondern häufig depressive Menschen oder auch solche, die gar nicht wissen, welche Möglichkeiten die Palliativmedizin schon heute bietet, um schlimme Scherzen zu vermeiden.

Statt aktive Sterbehilfe in Deutschland zuzulassen, brauchen wir mehr und bessere Versorgung mit Hospizen, die bewundernswerte Arbeit leisten und die Würde des Menschen am Lebensende wahren. Die „Spezialisierte ambulante Palliativversorgung“ (SAPV) muss ausgebaut werden, Patientenverfügungen und Betreuungsvollmachten sind der richtige Weg, um zu wissen, wie ein schwer Leidender sein Lebensende gestalten will. Denn die Angst vor einem einsamen und schmerzhaften Tod muss man ernst nehmen. Wir brauchen eine Enttabuisierung der Volkskrankheit Depression und mehr Verständnis und Hilfe für die Betroffenen, damit sie nicht aufgeben, denn Depression ist behandelbar.

Wir müssen offen über Leben und Tod sprechen können, das Sterben darf in unserer Gesellschaft nicht tabuisiert und verdrängt werden. Denn zu einer humanen Gesellschaft gehört aus meiner Sicht das Sterben in Würde und nicht die Dienstleistung Suizid auf Abruf.

Weitere Beiträge zur aktuellen politischen Debatte zu Sterbehilfe finden sich hier

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1. Einleitung – Was ist Sterbehilfe?

2. Christliche Perspektive – Die Nordkirche

3. Humanistische Perspektive – Der HVD

4. Mehr Freiheit am Lebensende – Die DGHS

5. Lebenserhaltung als Verpflichtung – Die BÄK

6. Rechtsphilosophische Sicht – Norbert Hoerster

7. Belgischer Blick – Die Jongsocialisten

→ Ansichten in der SPD (I) – Kerstin Griese

9. Ansichten in der SPD (II) – Ulf Kämpfer[/hide-this-part]

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